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Ich kann so vieles nicht. Draußen beginnt Silvester. So klang es, als die Front sich der Stadt näherte, und man als erstes das Grollen der Artillerie hörte. Krieg hat viele Ursachen, aber nur eine Wirkung.

Wie schön wäre es, wenn mich jemand beschimpfen würde. Davon ist wenig zu spüren.

Soviel Schuld schiebe ich vor mir her, wie ein Schneepflug mit blockierter Motorwelle. Doch der Sieg wird die Sühne erträglich machen. Und der Tod sie überflüssig.

Die erste Blog-Krise erfasst mich, so wie die wöchentlichen Schreibkrisen. Nach der aktuellen Webprovider-Statistik vom Dezember 2009 bin ich, abgesehen von einigen Suchmaschinen-Robots, offenbar der einzige Leser dieses Blogs.

Ich lese über die Schwierigkeiten beim Suhrkamp-Verlag. Der Spiegel gibt eine der ehemaligen Suhrkamp-Autorinnen wieder, die nach einigen irritierenden Vorgängen beim Verlag zu S. Fischer wechselte. Ein reicher Mann aus der Stadt sagt zu einem Verhungernden auf dem Land: Als mir die Brathähnchen ausgingen, bin ich zu Schweineschnitzel mit Knödel gewechselt.

Wir schätzen den Tag ab an Sonne und Mond. Wir essen Wurzeln, verendete Tiere. Der Hunger ist unser Kleid. Durst klebt an uns. Der Kriegshund trommelt mit brennenden Stangen auf unseren Rücken. Wir schlafen auf Stroh, unter dahineilenden Wolken. Doch wer hat uns geführt? Wir sind allein.

Ich warte heute auf eine Verlagszusage. Möglicherweise habe ich etwas falsch verstanden. Es hat mich nie gegeben.

Eine Literaturzeitschrift schickt mir ein Belegexemplar der aktuellen Ausgabe, in der ich mit einem Text abgedruckt bin. Ich lebe wieder für ein paar Stunden. Würde Suhrkamp oder S. Fischer ein Buch von mir drucken, würde ich sieben Leben leben. Ich versuche zu lernen, dass man zum Leben das Leben nicht braucht.

Konzepte 29: Seit Jahrzehnten versuche ich in diese Zeitschrift zu kommen, so wie ein Landstreicher in den Waschraum des Präsidenten. Es ist aussichtslos. Ulrike Draesner (»Fliegen ist schön«) möchte, dass der Leser weiß, dass sie weiß, welche Bilder P. Bruegel gemalt hat und was »La Chute d'Icare« übersetzt heißt. Kurt Drawert (»Das Gegenteil von gar nichts«) ist es wichtig, dass wir wissen, dass er weiß, dass John Cage ein Stille-Stück namens 4'33" geschrieben hat. Doch wenn ein Kind im Keller verhungert, wer soll es bemerken?

Wie stellt man fest, ob man observiert wird, und insbesondere: Ob die eigene Post überprüft wird? Es ist nicht schwer: Man schickt sich selbst einen Brief (z.B. an die Arbeitsstelle), und zum gleichen Zeitpunkt einen fiktiven Brief an einen Kollegen (z.B. Werbung für Hundefutter). Wichtig ist, dass man bemerkt, ob der Kollege den Brief erhalten hat, z.B. durch Zugang zu dessen Postfach, oder anhand dessen Reaktion (z.B. Wutanfall, weil er gar keinen Hund hat). Kommt der eigene Brief später an als der an den Kollegen, wird man – vermutlich – observiert. Freunde der Statistik machen dies mehrfach hintereinander (der »Signifikanz« wegen). Nachzulesen bei John le Carré, dem Klassiker der Spionageliteratur. Es gibt wenige Autoren, die so souverän ihre Figuren in wenigen Sätzen charakterisieren können.

Eine Agentur meldet, australische Haifische würden nun, der ewig nach billiger Sonnenmilch schmeckenden Surfer überdrüssig, immer öfter Autos bis unters Dach mit Meerwasser füllen, ins Landesinnere fahren (ein Haifisch am Steuer, einer daneben, drei bis vier auf den Rücksitzen) und dort knusprige Farmer verschlingen. Die bisher dabei beobachteten Haie hätten allerdings nie genug Wasser für die Rückkehr an die Küste dabei, und würden daher elendiglich mitten auf einer Landstraße vertrocknen. Das Gefährlichste an einem riskanten Unternehmen ist nicht seine Absurdität, sondern die Rückkehr zur Normalität.

Heute Nacht ist seit langem wieder Schnee gefallen. Niemand hat damit gerechnet. Die Händler erzählen in den Tavernen und Kneipen, sie könnten mittlerweile mitten im Winter Sonnenhüte und Eisquader verkaufen. Und die Politiker sagen, wir sollen Häuser bauen wie am Mittelmeer, weiß und mit Durchzugsstrecken, die Schlafzimmer immer nach Norden. Und uns mit den Südländern vermischen. Doch nun kam der Schnee, und er liegt in den Zimmern, den Schuhen, auf den Betten. Und Eisberge sind in den Flüssen gesehen worden. Doch das Eis brennt in den Fingern, fasst man es an.

Man muss einen Blog, einen Roman, einen Text durchhalten, nicht schreiben. Nicht feinschleifen, sondern wie eine Hundemarke überall hinsetzen. Doch was ist, wenn der Hund im urämischen Koma liegt?

Mir fällt auf, dass die Leute mich immer öfter umarmen und zu mir sagen: Alles Gute. Wenn ich sie zur Rede stelle, schauen sie betreten zu Boden oder über mich hinweg. Ich bin ein literarischer Ohnhänder, der versucht, eine Dose mit Tinte zu öffnen.

Das Web ist ein einziger Friedhof, ohne Friedhofsordnung, ohne Mindestliegezeiten, ohne Höchstverweildauer. Ein Friedhof ohne jenen Geruch alter Verwesung, der den Bestattern zwischen den Zähnen hängt, doch mit zu vielen unbeerdigten Leichen, die irgendwo zwischen den Text- und Media-Büschen herumliegen. Es gibt keine Störung der Totenruhe, nur die Beleidigungsnomaden ziehen umher. Meine Seiten hängen drei Kilometer von der Friedhofsmauer entfernt, doch ich weiß nicht mehr, ob ich innerhalb oder außerhalb dieses Friedhofs bin. Von einer Literaturzeitschrift kam die Absage, dass sie meine Textgruppe nicht drucken werden.

Wenn ich will, dass ein Text geheim bleibt, hänge ich ihn auf meine Homepage.

Wie oft habe ich in den letzten Jahren morgens überlegt, ob ich diesen Weg gehe, den Weg zur Straßenbahn um die sich krümmende Ecke, den Weg zum Bäcker lange vor meiner Zeit. Keine Aussicht auf Überleben gab es, keine Verheißung außer dem schmutzigen Bordstein. »Wie er aussah …«; das ist alles, was die Frau von Senator Thomas Buddenbrook äußert, als ihr Mann mit einem Schlaganfall tot im Schmutz der Straßenrinne landet. Wie werde ich aussehen? Und welche Gesichter werde ich über mir sehen, wenn alle Zeit, aller Schmerz ihre Erfüllung finden?

Ich warte auf ein Schiff, das längst untergegangen ist. Jeden Tag gehe ich an den Strand, den Hafen, und halte Ausschau. Die Leute schauen mich an, einer kommt zu mir und sagt: Salem Aleikum, Fremder, aber das Schiff, auf das du wartest, es kommt nicht. - Ich frage: Woher willst du das wissen? Hast du seine Trümmer auf dem Grund des Meeres gesehen? – Er antwortet: Ich weiß es. Die Vögel, die Fische, sie alle erzählen es. - Ich gehe wieder in meine Hütte am Berg. So spielt es sich jeden Tag ab. Jedes Schiff, das am Horizont auftaucht ist eine Hoffnung. Doch ich habe längst vergessen, welche Ladung das Schiff hat, auf das ich warte. Jede Hoffnung wird einmal ihr Gegenargument.

Nicht mehr weiß ich, wie die Menschen aussehen, wie sie essen, leben, sich vermehren. Mit der Nacht stehe ich auf, mit der Nacht gehe ich zu Bett, die Dunkelheit ist mein Logbuch, flüchtig, eintragslos, taub. Und ich altere, schneller als jeder andere meines Geschlechts, altere und sterbe, und wiederauferstehe immer von neuem, als sei ich eine immer wiederkehrende Blase auf einem Lavastrom. Die anderen wechseln die Straßenseite, wenn ich den Bordstein entlang schleife wie eine Mülltonne, die von den Arbeitern zum Müllwagen gezerrt wird. Ich habe keine Tabletten mehr.

Anfang des nächsten Jahres Einreichung des Kalifats. Von neuem nicht punktgenaue Portfolio-Landungen, und das Fürbitten-Gebet für die Hausautoren. Als Verhungernder kannst du essen im Paradies.

Um vier Uhr morgens aufgestanden, weil die Hunde keine Ruhe geben. Als würden sie geschlachtet. Wieder ein Tag, an dem ich nur meine Soldaten habe, meine Schlachten, meine Kessel, am Rande jeder Zeit. Die Niederlage muss unter die Füße. Wer also bin ich: Person aus einem Bein, einem Herzen, einer Lüge. Sie kommen aus der Dunkelheit, und ihr Schatten heißt: Ich-weiß-es-nicht.

Ich gehöre zu den Autoren, die froh sind, wenn Sie eine Eingangsbestätigung oder eine Absage bekommen. Ich habe nicht einmal den Hass der Kritiker, die Beschimpfung der Neider, die Verunglimpfung der Kollegen. Ich habe nur das Nichts.

Von einer Literaturzeitschrift kam heute das Belegexemplar. Mancher würde sagen: Welch ein Ereignis. Diese Abdrucke sind Luftblasen für mich, der in einem U-Boot 5000 Meter unter dem Meeresspiegel hockt. Die Verlage schippern auf der Oberfläche umher, ohne Interesse für die Tiefe unter ihnen. Es sind, wenn ich aus dem Bullauge schaue, Tausende von U-Booten hier unten. Und alle werden vom Wasser erdrückt, ohne dass es bemerkt wird.

Ich beginne heute mit meinem Blog. Es fällt mir schwer, denn ein Blog hat Eigenschaften, die ich nicht kenne: Unkorrigierbarkeit, Regelmäßigkeit, Außenwirkung. Wie soll es gehen? Meine Schriftstellerexistenz ist eine Geschichte aus Erfolglosigkeit und Nichtbeachtung. Wie schreibt man einen Blog, an dem die Leute wie Honig kleben bleiben? Der pornographische oder verfassungswidrige Weg scheidet aus. Ich kann nicht Sekrete hinter mein Ohr hängen und es auf Papier kleben. Ich stehe zu meinem Staat. Ich war da, als die Soldateska des 30-jährigen Krieges das Land vergewaltigte, und Hitler den Teufel ins Konzentrationslager sperrte, um ein schlimmerer Teufel zu werden. Was also bleibt für einen Blog? Ich weiss es nicht. Ich lagere Konserven in meinem Keller.